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Über den Sinn von Materie - Virtuelle Gedanken einer zynischen Fachkraft zum Jahresende

Erschienen in: existenzielle, 12/2012 - veraltet aber im Prozess der Digitalisierung immer wieder an anderen Stellen "Neues wird Normal" - Über Anpassungsprozesse ; 2020

Was waren das für Zeiten, als es noch die Lohnsteuerkarten (im Jahr 2020 bitte durch "Rechnungen auf Papier" ersetzen) gab. Goldene. Die Einführung von ELSTAM dauert bis jetzt 3 Jahre und die Lohnsteuerkarten 2010 gelten immer noch und sogar bis in das Jahr 2013 hinein. Daraus könnten wir den Schluss ziehen, dass es ausreichen würde, Lohnsteuerkarten alle 3 Jahre zu verschicken und alle zwischenzeitlichen Änderungen im Amt vorzunehmen (Ersatzbescheinigungen 20011, 2012 und 2013).
Der materialisierte Vorteil einer Lohnsteuerkarte ist der: Hast Du sie in der Hand, ist die Lohnsteuerklasse relevant, die Du in der Hand hältst. Keine Lohnsteuerkarte in der Hand, heißt: Lohnsteuerklasse sechs. Eine ganz eindeutige Sache: ja oder nein. Die Gemeinde hat einmal im Jahr diese Steuerkarten verschickt.

Jetzt wird es anders. Mit ELSTAM (Elektronische Lohnsteuerabzugsmerkmale)werden die Lohnsteuerdaten an einem zentralen virtuellen Ort gespeichert, geändert etc, an dem jede/r Arbeitgeber_in sie monatlich abholen darf!
Übersetzt in Materie wäre das folgendes Vorgehen: Ich fahre einmal im Monat (nach dem 5.) zum Finanzamt, gehe da an den Briefkasten, der extra für mich eingerichtet wurde und entnehme die Papiere, wo draufsteht, dass sich die Daten meiner Arbeitnehmer_innen nicht geändert haben. Vielleicht liegen auch nur die Datenblätter derjenigen drin, die sich geändert haben. Nun gut, ich schließe mein Postfach wieder zu und fahre zu meinem Betrieb zurück. Bis zum nächsten Monat.

Das ist aufwendig, denken Sie? Warum das denn jetzt? Nun schaffe ich schon Arbeitsplätze, aber sie zu verwalten kostet, kostet und kostet. Und jetzt passen Sie auf! Jetzt kommt "Marketing" und ich verkaufe Ihnen ELSTAM als einen Fortschritt! Natürlich ist das nicht zumutbar, dass Sie ihre Zeit damit verbringen müssen, monatlich zum Finanzamt zu gehen! Es gibt doch PC's, Programme und das Internet! Wir machen das elektronisch! Sie sparen die Fahrtzeit, Sprit und brauchen auch keinen zusätzlichen Schlüssel an Ihren Bund hängen. Und Sie haben auch noch mehr Zeit als vorher, weil wir Ihnen Bürokratie eingespart haben. Sie brauchen nur: Ein ELSTER-Konto und einen Online-Schlüssel. Dann geben Sie die Daten Ihrer Angestellten ein und wenn diese mit unseren Daten übereinstimmen, bestätigen wir das gern und Sie dürfen ab dann jeden Monat hier bei uns im ELSTER-Online-Portal in Ihrem Briefkasten vorbeischauen (aber nur zwischen dem 5. und 25. sagen wir mal), damit wir Ihnen die Änderungen mitteilen können. Sie dürfen aber nicht alle Ihre MitarbeiterInnen bei uns anmelden. Ha, ha. Nämlich nur die, die in einem Hauptarbeitsverhältnis stehen. Ok. Was ist jetzt aber bitte ein "Hauptarbeitsverhältnis"? Jenes, wo die Arbeitnehmerin das meiste Geld mit verdient? Das, womit sie überhaupt sehr viel Arbeit hat (Ich denke da an Kinder, Küche, Haushalt….)? Überweist den Müttern der Nation auf Lohnsteuerklasse 3 für ihr Hauptarbeitsverhältnis 3.000 € direkt aus Steuermitteln (herzliche Grüße an Christina Schröder). Zurück zum Thema: Alle Arbeitnehmer_innen mit Lohnsteuerklasse sechs und alle Mini-jobber_innen dürfen gar nicht angemeldet werden! Also selbst die materiell eine Lohnsteuerkarte in der Hand hielten mit der Nummer "sechs", haben jetzt faktisch keine "Steuerkarte" mehr, sie sind auch elektronisch nicht sichtbar. Das kann nicht stimmen? Hm, ja, vielleicht. Die Macher von ELSTAM werden das vielleicht noch herausfinden.

Bis dahin werden Sie und ich herausfinden, wie das real gehen soll. Dafür hat man uns ganz kulant einen Einstiegszeitraum von einem Jahr gegeben. Aber einmal erfolgreich eingestiegen, ist eingestiegen und Sie können nicht mehr auf Materie zurückkehren (Sie erinnern sich: Lohnsteuerkarte oder Ersatzbescheinigung).

Ganz so schlimm wird es nicht kommen. Selbst Lohnprogrammhersteller richten sich für die Masse (der ArbeitgeberInnen!) auf das zweite Halbjahr ein. Und natürlich können Sie sich auch einfach ein Lohnprogramm anschaffe, das die ganze manuelle Arbeit übernimmt. Außer das ELSTER-Konto und das Zertifikat, da müssen Sie sich noch allein hinwursteln.]

[Für diejenigen, die miteinander verpartnert sind und die die Steuerklassen III / V vorläufig bewilligt bekommen haben, müssen dies für 2013 neu beantragen und sich für ELSTAM einen Sperrvermerk setzen lassen. Sie erhalten eine sogenannte "Besondere Bescheinigung", die der Arbeitgeber_in für den Lohnsteuerabzug vorgelegt werden muss. Dies ist beim zuständigen Finanzamt zu beantragen und wer es im Dezember nicht mehr schafft, kann das im Januar noch nachholen.]

Aber jetzt noch was anderes Praktisches und Materielles! Welche hat nicht schon die Tücken der EDV kennen gelernt? Festplatte abgestürzt, als das Manuskript fast fertig war? Die letzte Datensicherung liegt ein halbes Jahr zurück? Denken Sie auch in guten Zeiten: "Ich hab doch alles im Computer. Meine Rechnungen muss ich doch nicht auch noch ausdrucken." Und doch: Vertrauen Sie der Materie. Mehr als dem elektronischen, virtuellen, flüchtigen.. Im Sinne der Belegsicherung (Sie wissen: Keine Buchung ohne Beleg!): Drucken Sie alle Rechnungen aus! Nur die Rechnungen sind Ihre Belege. Der Kontoauszug stellt lediglich einen Zahlungsbeweis dar. Ob die des Mobilfunkanbieters (Manche Anbieter speichern sie im Internet nur ca: 6 Monate) oder die Rechnung, die Sie im Original an Ihre Kundschaft geschickt haben oder meinetwegen als PDF-Anhang in einer Mail: Drucken, Drucken, Drucken Sie. Jetzt könnten Sie das ökologische Bewusstsein in die Waagschale werfen. Ja, sag ich Ihnen. Seien Sie öklogisch. Fragen Sie sich, wo es sinnvoll ist. Angesichts der doch sehr verbreiteten Angst vor dem Finanzamt und der Sorglosigkeit über die Sicherheit unserer Daten tun Sie sich Gutes, wenn Sie Ihre Belege materialisieren. Wenn der Computer abstürzt oder eine Betriebsprüfung ins Haus steht, dann ist das immer noch schlimm. Aber Materie macht dann wirklich Sinn.

Das Jahresende ist eine sehr materiell geprägte Zeit, in der Geschenke besorgt, hergestellt und liebevoll verteilt werden. Gönnen Sie sich doch was ganz immaterielles: Eine besinnliche, ruhige, kulturvolle, gesellschaftliche Zeit. Das macht auch Sinn.

In diesem Sinne alles Gute und einen guten Rutsch ins Jahr 2013, 2014, 2015, 2016, 2017, 2018, 2019, 2020.
Ihre Franziska Bessau
 

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